Landesverband Baden-Württemberg PRO BAHN Bundesverband PRO BAHN Bundesverband

Neustart auf der Gäubahn

Das Problem

Nach dem Wegfall der Neigetechnik auf der Gäubahn und dem damit einhergehenden Verlust praktisch aller Fernverkehrsanschlüsse außer zur ICE-Linie 42 nach bzw. aus München haben sich die Fahrgastzahlen auf der Gäubahn kontinuierlich nach unten entwickelt. Die DB hat zwar grundsätzlich an der Strecke festgehalten, doch kam es zum Fahrplanwechsel Dezember 2012 zu Kürzungen besonders schlecht ausgelasteter Züge an Wochenenden.

Mittlerweile wurde von der Bahn offiziell eingestanden, was sich schon länger abzeichnete: Es wird für die Achsen der ICE-T keine Lösung geben; eine Rückkehr zur Neigetechnik ist nach derzeitigem Kenntnisstand nicht möglich.

Die (Interims-)Lösung

Wie auch von PRO BAHN gefordert, begann etwa im Herbst 2012 die Suche nach einer radikal neuen Lösung ohne Denkverbote. Es ist müßig zu überlegen, wie gut oder schlecht das aktuelle Fahrplankonzept auf der Gäubahn zu bewerten ist: Am Markt kommt es ganz offensichtlich nicht an. Wie schon so oft stand die Gäubahn vor der Entscheidung, das Angebot sehr deutlich nach oben oder nach unten zu verändern.

Nun haben sich die Beteiligten (DB, NVBW, SBB) auf ein mutiges und unkonventionelles Konzept verständigt: RE- und IC-Züge mit bisher sehr unterschiedlichen Fahrzeiten werden zu einem relativ einheitlichen Konzept vereint. Es sind stündliche IC-Verbindungen zwischen Stuttgart und Zürich geplant, gefahren mit neuen IC-Doppelstockwagen. Tariflich kommen hingegen die Nahverkehrstarife zur Anwendung, aber nur zwischen Stuttgart und Singen. Das Land bestellt keine RE-Züge mehr und bezahlt mit den entfallenden Bestellerentgelten den Ausgleich für Fahrgeldmindereinnahmen.

Letztlich bietet DB Fernverkehr auf der Strecke eine Leistung in Fernverkehrsqualität zu Nahverkehrspreisen an. Das Angebot entspricht in wesentlichen Teilen der Forderung von PRO BAHN Baden-Württemberg nach besserer Integration von Nah- und Fernverkehr.

Fahrplanseitig ist vorgesehen, den Fahrplan etwa um eine halbe Stunde zu drehen und in Zürich auf den Knoten zur Minute 30 auszurichten und in Stuttgart Anschlüsse zu und von praktisch allen Fernverkehrslinien herzustellen. Auch im Regionalverkehr werden sich in Stuttgart deutliche Verbesserungen ergeben. Die Drehung in Zürich ist unproblematisch, dort verkehren praktisch alle Linien im Halbstundentakt. Auch die Gotthardlinie wird mit Eröffnung des Gotthardbasistunnels auf den 30er-Knoten ausgerichtet. Eine Übersicht über das neue Konzept ist hier zu finden.

Der Haken

Kein Vorteil ohne Nachteil: Die Verschiebung der Fahrlage der bestens vertakteten Gäubahn wird zwangsläufig viele Änderungen bei den Unterwegshalten nach sich ziehen. Insbesondere fällt auf, dass die Gäubahn aus dem Knoten zur vollen Stunde in Singen herausfallen wird. Damit werden die Verknüpfungen mit der Hochrheinbahn, der Bodenseegürtelbahn und der Schwarzwaldbahn nach dem Status quo verloren gehen.

Für die Stadt Konstanz werden sich für die Reisenden, die bisher ab dem Hauptbahnhof mit der Schwarzwaldbahn nach Singen fahren, durch die Nutzung des Seehas Fahrzeitverluste im Vergleich zum bisherigen IC-Fahrplan ergeben. Andererseits wird sich die Fahrzeit für die bisherigen RE-Nutzer deutlich verkürzen, was die Verschlechterungen wenigstens teilweise kompensieren mag.

Der weitere Ausblick

Es stehen verschiedene Infrastrukturprojekte mit unterschiedlich konkreten Realisierungschancen im Raum. Eine abschließende Beurteilung, wie sich der geänderte Fahrplan der Gäubahn auf die einzelnen Reiseketten auswirken wird, ist deswegen noch nicht möglich. Die Durchmesserlinie Zürich, die Elektrifizierung der Südbahn und eventuell der Hochrheinstrecke werden sich mehr oder weniger unmittelbar auch auf die Gäubahn oder deren Zulaufstrecken auswirken.

Die Elektrifizierung der Südbahn wird voraussichtlich weitreichende Änderungen im Taktgefüge bei den Regionalbahnen auf der Bodenseegürtelbahn nach sich ziehen. Ob sich daraus gute Anschlüsse an die Gäubahn konstruieren lassen, gehört zu den Fragen, die in den nächsten Jahren zu klären sind.

Die Elektrifizierungspläne auf der Hochrheinstrecke sind wegen diverser Streitpunkte zwischen Deutschland und der Schweiz (wie z. B. der Diskussion um den Fluglärm) ins Stocken geraten. Ein irgendwann dort geplanter Halbstundentakt als Städteverbindung Basel–Schaffhausen könnte das Anschlussproblem lösen. Dass bereits Ende 2017 ein Fahrdraht zwischen Erzingen und Basel Badischer Bahnhof zur Verfügung stehen wird, erscheint derzeit aber wenig wahrscheinlich.

Weitere Informationen

letzte Aktualisierung: 27.03.2017

Valid HTML 4.01 Strict